Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung. Mediennutzung und Medienkompetenz von Jungen und Mädchen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten.
In verschiedenen Studien zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen wird deutlich, dass Jungen und Mädchen Medien sehr unterschiedlich nutzen. Welche Konsequenz hat das für die Förderung von Medienkompetenz? Das ist eine der zentralen Fragen der Studie, die von der LfM in Auftrag gegeben wurde.
| Titel | Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung. Mediennutzung und Medienkompetenz von Jungen und Mädchen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten. | Ziel | Modell für Bedingungen und Faktoren zur geschlechtergerechten Medienkompetenzförderung entwickeln |
| Gegenstand | Geschlechtersensible Mediennutzung | Maßnahmen | Vorhandene Studien und Untersuchungen erfassen und auswerten / vorhandene Konzepte zur Medienkompetenzförderung bewerten |
| Publikation | Publikation im Oktober 2007 erschienen: Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung. | Auftragnehmer | Prof. Dr. Renate Luca, Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg; Prof. Dr. Stefan Aufenanger, Pädagogisches Institut, Universität Mainz |
Mediennutzung von Jungen und Mädchen
In verschiedenen Studien zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen wird deutlich, dass Jungen und Mädchen Medien sehr unterschiedlich nutzen. Während z. B. die Jungen im Vergleich in ihrer Freizeit lieber den PC nutzen, nehmen die Mädchen eher einmal ein Buch zur Hand. Zwar ist das Lieblingsmedium beider Geschlechter das Fernsehen, aber auch hier wenden sich Jungen und Mädchen eher unterschiedlichen Inhalten zu. Sie unterscheiden sich jedoch nicht nur in ihren medialen Nutzungsgewohnheiten, sondern auch in ihren Kompetenzen im Umgang mit Medien. Beispielsweise sind bei Mädchen die technischen Kompetenzen eher schwächer ausgebildet, sodass der Zugang zum und die Nutzung des PC im Geschlechtervergleich bei ihnen weniger ausgeprägt ist.

Unterschiedliche Kompetenzen
Jungen hingegen – und das verdeutlicht insbesondere die PISA-Studie – sind mit Blick auf eine „kritisch-argumentative Auseinandersetzung“ mit Texten weniger lesekompetent als Mädchen. Die Sprach- und Lesefähigkeit sind als zentrale Kulturtechniken jedoch eine Grundvoraussetzung für einen kompetenten Umgang mit Medien. Diese Ausführungen verdeutlichen im Ansatz die unterschiedlichen medialen Präferenzen, Nutzungsweisen sowie Fähigkeiten und Defizite der Jungen und Mädchen. Eine systematische Darstellung sämtlicher Erkenntnisse über die unterschiedlichen Nutzungsgewohnheiten und Kompetenzen liegt bisher nicht vor. Diese systematische Auswertung vorhandenen Wissens ist jedoch notwendig, will man die Medienkompetenzförderung so ausrichten, dass sie den geschlechterspezifischen Kompetenzdefiziten besser gerecht wird.
Vorhandene Erkenntnisse erfassen
Im Rahmen des Forschungsprojektes wurden vorhandene Erkenntnisse zur geschlechterspezifischen Mediennutzung, Kompetenzen und Defizite von Mädchen und Jungen erfasst, ausgewertet und systematisiert. In einem zweiten Schritt wurden die vorhandenen Konzepte zur geschlechterspezifischen Förderung von Medienkompetenz erfasst, bewertet und aufbereitet. Zudem wurden Experten aus der Praxis befragt. So entstand ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand und die Praxis geschlechtersensibler Medienkompetenzförderung.
Getrennte Praxis
Bei der Untersuchung von medienpädagogischen Praxisprojekten war häufig sehr schwer ausmachen, ob ein geschlechtersensibler Ansatz vertreten wurde. Klar zu erkennen war dieser Ansatz nur bei Projekten, die nur für Mädchen oder nur für Jungen (Geschlechtertrennung) angeboten wurden. Die Studie zeigt ein heterogenes Bild von Konzepten, Begründungen und Perspektiven einer geschlechtersensiblen pädagogischen Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Oftmals laufen die Angebote von Pädagog/innen aus den Themenfeldern „Geschlecht“ und „Medien“ allerdings auch unbeachtet nebeneinander her.

Medienkompetenz gezielt fördern!
Aus den Untersuchungen ergeben sich Problemlagen, die bei zukünftigen Projekten der Medienkompetenzförderung von Mädchen und Jungen besonders beachtet werden sollten:
- Lesekompetenz
Mädchen haben einen erwiesenen Vorsprung in der Lesekompetenz. Dieser bezieht sich vor allem auf literarische bzw. kontinuierliche Fließtexte. Beim Umgang mit nicht-linearen Texten (Grafiken, Tabellen, Diagramme), die es zum Beispiel in multimedialen Umgebungen gibt, ist der Unterschied erheblich geringer. Dies sollte eine geschlechterbewusste Lesekompetenzförderung berücksichtigen.
- Nutzungsvielfalt
Zur Förderung von Medienkompetenz gehört viel mehr, als die reine Vermittlung von technischem Wissen. Viele medienpädagogische Maßnahmen mit Mädchen haben allerdings das einseitige Ziel, die technische Kompetenz von Mädchen zu stärken. Im Blick auf eine Nutzungsvielfalt für beide Geschlechter sollten solche Maßnahmen um analytische, reflexive und kognitive Dimensionen erweitert werden. So kann auch der bislang vernachlässigte Medienkompetenzbereich der „Medienkritik“ stärker berücksichtigt werden. Die Studie bemängelt zudem, dass bislang nur eine geringe Anzahl an Projekten für Jungen realisiert wurde.
- Traditionelle Bilder aufbrechen
Medienpädagogische Projekte mit Mädchen gehen häufig von einem Defizit der Mädchen beim technischen Know-How aus. Durch diese symbolische Zuordnung von Geschlecht im Umgang mit Technik wird allerdings auch eine traditionelle Geschlechterordnung zementiert. Praxisprojekte zur Medienkompetenzförderung sollten im Wissen um solche Zusammenhänge vielmehr an den Interessen der Jugendlichen anknüpfen.
- Medienvielfalt
Bei Projekten zur Förderung von Medienkompetenz werden vorwiegend die so genannten neuen Medien eingesetzt. Diese Einschränkung widerspricht jedoch der Medienvielfalt, die im Alltag von Kindern und Jugendlichen zu finden ist. Neben dem Fernsehen als Leitmedium haben auch Radio, Zeitschriften und vermehrt das Handy neben dem Computer einen großen Stellenwert. Diese Vielfalt sollte medienpädagogisch aufgegriffen werden.
- Kooperation von Schule und außerschulischen Projekten
Die Zusammenarbeit von außerschulischen mit schulischen Projekten sollte mit Blick auf eine geschlechtersensible Medienkompetenzförderung ausgebaut werden. Die Handlungsorientierung des außerschulischen Bereichs könnte durch die analytisch-reflexiv-ethische Orientierung der Schule ergänzt werden.

Mehr Informationen:
Pressemeldung der LfM vom 13.10.2007
Die Studie wurde im Rahmen des "3. Forum Schule - Fachkongress" vorgestellt.
Zusammenfassung der Studienergebnisse (PDF)
Eine kurze Zusammenfassung der Studie auf 7 Seiten
Publikation: Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung. Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten.
Renate Luca und Stefan Aufenanger. Berlin: Vistas 2007, Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, Band 58, ISBN 978-3-89158-468-2, 18,- Euro.
Ausschreibungsunterlagen und Projektbeschreibung:
„Geschlechterspezifische Medienkompetenzförderung? Mediennutzung und Medienkompetenz von Jungen und Mädchen“
Dezember 2004