19.02.2010 : Programmliches Zuhause – Interview mit Michael Steinbrecher über den TV-Lernsender NRW
Nach drei Monaten Testbetrieb ging der TV-Lernsender.NRW im Oktober 2009 offiziell auf Sendung. Der Lernsender gehört zum LfM-geförderten Pilotprojekt „Ausbildungs- und Erprobungsfernsehen in NRW“. Seine Heimat hat der Lernsender beim Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund. Geleitet wird das Projekt von Prof. Dr. Michael Steinbrecher, der an der TU Dortmund die Professur für Fernseh- und Videojournalismus inne hat.

Medienkompetenzportal NRW: Herr Steinbrecher, die ersten 100 Tage des Lernsenders sind überstanden. Gibt es schon so etwas wie Alltag?
Es gibt Alltag im guten Sinne. In den letzten Monaten sind vor allem gewachsene Kontakte mit den Zulieferern entstanden: Wir haben uns intensiv mit vielen Bürgern ausgetauscht, die Lehr- und Lernredaktionen aus NRW waren schon bei uns in der Zentrale in Dortmund und wir haben auch viele Gespräche mit angehenden Profis geführt.
Technisch und redaktionell hat sich vieles eingespielt, aber zu unterscheiden ist hier Routine von Eingefahrensein. Nach wie vor sagen wir: Experimente sind wichtig. Nach wie vor versuchen wir, zu motivieren, neue Ideen zu wagen und neue Formate zu entwickeln. Natürlich mit Feedback, natürlich mit Beratung – aber es ist schön, zu erleben, dass das Wort Partizipation, das für uns ganz oben steht, umgesetzt wird und sich immer mehr mit Leben füllt. Wir in Dortmund wollen dabei nicht „Chefredakteure spielen“, sondern individuell beraten, stärken und Tipps geben. Wir sehen unsere Rolle so, dass wir einen Rahmen für das Programm schaffen – und das klappt bisher sehr gut.
Das Programm des Lernsenders setzt sich aus verschiedenen Bausteinen zusammen. Es gibt Beiträge zu sehen, die im Rahmen professioneller TV-Ausbildung entstanden sind. Dann haben sich u.a. an Hochschulen Lehr- und Lernredaktionen gebildet. Und last but Not least haben Bürgergruppen aus NRW eine Plattform zur Ausstrahlung. Welche dieser Gruppen füllt wieviel Programm?
Zu Beginn des Testbetriebs waren es vor allem die Bürger, die das Programm getragen haben. Mittlerweile sind auch viele angehende Profis dabei und die Lehr- und Lernredaktionen werden jetzt immer mehr liefern. Das Programm ist also noch bunter geworden. Aber wir bemühen uns auf allen drei Ebenen um weitere Interessenten, das hat noch lange kein Ende.
Der Name „Lernsender“ ist bei ihnen Programm: Lernen sollen die Macher – und gesendet wird für ein möglichst breites Publikum im digitalen Kabel. Welche Seite ist wichtiger?
Beide sind wichtig. Indem wir z.B. Bürger beraten, wie sie ihre Stärken herausarbeiten und den Charme ihres Programms weiter zuspitzen können, machen wir das Programm ja gleichzeitig für die Zuschauer attraktiver. Das ist ein Prozess, der ineinander verwoben ist: Je vielfältiger das Programm ist und je kreativer sich Ideen entfalten können, umso attraktiver ist das dann auch für die Zuschauer.
Sie haben schon von Partizipation gesprochen und damit eine der Leitideen der ehemaligen Offenen Kanäle in NRW genannt. Sehen Sie den Lernsender als Nachfolger der offenen Kanäle?
Ich bin zu diesem Projekt dazu gestoßen, als der Sender schon geplant und konzipiert war, daher kann ich zu den Diskussionen im Vorfeld nicht viel sagen. Was ich sagen kann ist, dass wir so viele Bürger wie möglich motivieren wollen, sich am Programm zu beteiligen und dass wir ihnen mit dem Lernsender ein programmliches Zuhause bieten wollen. Dabei versuchen wir, die Zugangswege so einfach wie möglich zu gestalten und alles zu tun, um Bürgern eine programmliche Perspektive zu geben. Was uns auf jeden Fall auch ausmacht ist, dass wir uns mit dem Programm beschäftigen, Feedback geben, beraten und auch durchaus konstruktiv kritisieren. Und wir haben die Erfahrung gemacht, dass Bürger, aber auch alle anderen, dies sehr gut annehmen. Man kann sich also ausprobieren und gleichzeitig handwerklich und redaktionell an sich arbeiten und Medienkompetenz erwerben. Das ist ja auch ein Grundgedanke neben der Partizipation, der ganz wichtig ist für den Lernsender.
Der Lernsender sucht derzeit einen neuen Namen. Wie läuft die Namensfindung und was steht als Nächstes an in diesem Jahr?
Die Namenssuche zeigt schon wieder das Prinzip des Senders. Es ist nicht so, dass wir uns in einer kleinen Gruppe in Dortmund zusammensetzen und überlegen, wie könnte dieser Sender heißen. Wir haben alle Interessierten in NRW aufgerufen, selbst aktiv zu werden und sich Gedanken zum Sendernamen zu machen, haben jede Menge Vorschläge für den neuen Namen gesammelt und starten nun eine Abstimmung auf unserer Internetseite.
Das Jahr 2010 wird auf allen Ebenen eine Herausforderung. Nehmen wir nur die Programmplanung: Ganz wichtig wird sein, dass wir im Studio in der Zentrale in Dortmund Formate schaffen, in denen wir auch die Zulieferer vorstellen können, also einzelne Bürgergruppen, die regelmäßig Programm machen, oder junge Filmemacher, die ihre Abschlussfilme präsentieren. Und auch dadurch wollen wir wieder neue Leute motivieren, ähnliche Wege zu gehen und sich am Projekt zu beteiligen. Außerdem haben wir im Journalistik-Studiengang in Dortmund jetzt die Sendung „Zoom. Das Mediencafe“ entwickelt. WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn war der Premierengast. Auf allen Ebenen ist etwas in Bewegung. So sollte es möglichst bleiben.
Herr Steinbrecher, als Fernsehzuschauer kennt man Sie aus dem aktuellen Sportstudio und anderen öffentlich-rechtlichen Formaten. Ist die Arbeit beim Lernsender ein Ausgleich zu dieser Arbeit, weil sie mehr Freiraum bietet?
In jedem Beruf sollte man offen bleiben für neue Anregungen. Und sehr viele Anregungen von Bürgern oder den Studierenden, die über Campus-TV zu sehen sind, finde ich wirklich beeindruckend kreativ und das fließt natürlich auch gedanklich in meine Arbeit ein. Umgekehrt freue ich mich, wenn ich unsere Studierenden oder Zulieferer fördern und unterstützen kann. Das ist also ein Austausch.
Beim Lernsender sind wir sind alle angetrieben von dieser besonderen Situation. Alle spüren, dass da ein neues Projekt mit großen Möglichkeiten wächst und dass es etwas Besonderes ist, so eine Entwicklung in der Pionierphase miterleben zu können. Diese Stimmung habe ich auch bei großen Sendern schon erlebt, wenn es um neue Sendungen wie „Doppelpunkt“ oder „Frontal“ ging. Und für den Lernsender kann ich auf jeden Fall sagen, dass alle Mitarbeiter sich mit voller Kraft der Herausforderung stellen, dieses Projekt zum Erfolg zu führen.
Mehr Informationen:
Homepage vom TV-Lernsender NRW
Bis Ende März 2010 kann dort auch über den neuen Namen abgestimmt werden.
Experimentieren erwünscht
Das funkfenster online war zu Besuch beim Lernsender.
Bürgerfernsehen
Die LfM informiert über das "neue" Bürgerfernsehen in NRW.
Foto und Logo: TV-Lernsender NRW
Das Interview führte Matthias Felling