12.05.2009 : „Heranwachsen mit dem Social Web“ - Selbstinszenierung und Kontaktpflege
Pressekonferenz zur Studie

Wie gehen Jugendliche mit den vielen Mitmach-Möglichkeiten im Internet um? Welche Bedeutung für die Sozialisation von Heranwachsenden haben Angebote des sogenannten Social Web wie Netzwerkplattformen (z. B. SchülerVZ, StudiVZ), Videoplattformen (z. B. YouTube), Instant Messaging-Dienste (z. B. ICQ, MSN) sowie Weblogs und Wikis? Antworten auf diese Fragen gibt die neue LfM-Studie „Heranwachsen mit dem Social Web“, die vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung zusammen mit dem Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg durchgeführt wurde. Teil der Untersuchung waren Gruppendiskussionen, Einzelinterviews und eine Repräsentativbefragung unter Onlinenutzer/innen im Alter von zwölf bis 24 Jahren. Die Ergebnisse zeigen: Jugendliche integrieren viele dieser Angebote ganz selbstverständlich in ihren Alltag und nutzen sie, um sich selbst zu präsentieren und den Kontakt zu anderen zu pflegen. Diese Bedeutung kann allerdings mit wesentlichen Aspekten des Daten- und Nutzerschutzes kollidieren.


Rand-Nutzer und Selbstdarsteller
Analog zu existierenden Untersuchungen (z.B. der JIM-Studie) stellen die Autoren/innen der Studie fest: Das Internet ist im Alltag der untersuchten Altersgruppe längst angekommen. Mehr als 85 Prozent nutzen es mindestens mehrmals pro Woche, im Durchschnitt verbringen die 12- bis 24-Jährigen gut zwei Stunden pro Tag im Internet, was in etwa der Fernsehdauer entspricht. Unter den Internet-Aktivitäten spielen die verschiedenen Angebote des Social Web eine große Rolle: Jeweils 69 Prozent nutzen mehrmals pro Woche Instant Messaging-Dienste, ebenso viele besuchen Social Communities. Fragt man 15- bis 17-Jährige nach ihren Lieblingswebsites, so nennen 52 Prozent SchülerVZ. Wie intensiv und kreativ die Angebote auf diesen Seiten jedoch genutzt werden, variiert – abhängig u.a. von Bildungsgrad und Geschlecht – unter den Jugendlichen stark. Die Bandbreite der jugendlichen Nutzer-Typen reicht dementsprechend von „Rand-Nutzern ohne eigenes Profil“ bis zu „Experimentierfreudigen Selbstdarstellern“.


Wer bin ich und wie stelle ich mich (online) dar?
Die Entwicklung einer stabilen Identität ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe im Jugendalter und die Anwendungen des Social Web bieten Räume, um verschiedene Identitäten spielerisch auszuprobieren. Im Vordergrund stehen dabei die Social Communities, insbesondere SchülerVZ und StudiVZ. Mittlerweile nutzen die meisten Jugendlichen diese Angebote und präsentieren sich mit Fotos und Texten: Die Gestaltung und Pflege eigener Profilseiten ist die wichtigste Form des Identitätsmanagement im Social Web. Darüber hinaus nutzen Jugendliche hier auch die Möglichkeit, ihre Zugehörigkeiten zu bestimmten Gruppen zu demonstrieren und sich damit anderen gegenüber klar zu positionieren. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zeigt den Besuchern der eigenen Seite wer man ist, bzw. wer man sein möchte. Dabei ist es den meisten Jugendlichen wichtig, authentisch zu sein und gleichzeitig möglichst „cool“ oder seriös oder auch lustig zu erscheinen. Schließlich will man wiedererkennbar sein, damit sich die von den meisten Jugendlichen vor allem geschätzte Funktion des Social Web realisieren lässt: die Pflege von bestehenden und die Suche nach neuen Kontakten.


Neue Kontakte aufbauen und alte pflegenPressekonferenz zur Studie
Mit der Verbreitung des Internet wuchs die Befürchtung, die neue Technik würde Menschen isolieren. Schaut man auf die Social Communities, scheint mittlerweile fast das Gegenteil zu gelten: Isoliert ist, wer nicht am Social Web teilnimmt und auf den Netzwerken SchülerVZ und StudiVZ oder in den „Buddy Lists“ der Instant-Messenger-Dienste präsent ist. Gerade im Leben von Jugendlichen ist es wichtig, sich in einer Clique oder Schulklasse zu positionieren. Die meisten befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen nutzen das Social Web zur Kontaktpflege. Sie gründen auf Social Community-Seiten selber Gruppen, oder sie schreiben Kommentare und Bewertungen, etwa zu Videos auf den Seiten Anderer. Auf diesem Weg werden schon bestehende Beziehungen intensiviert und neue aufgebaut. Ein weiterer Anteil von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nutzt die Angebote jedoch vor allem, um im Freundeskreis nicht abseits zu stehen, um einfach „dabei zu sein“ bzw. etwas zu tun, „was eh alle tun“. Ihnen liegt daran, mit anderen verbunden zu sein und sich mit ihnen auch über das Netz verbunden zu fühlen. Für sie zählen vor allem der Austausch mit und der Kontakt zu Gleichaltrigen. Für einige ist es wichtig, möglichst viele Kontakte zu haben, um sich anerkannt und beachtet zu fühlen; für andere zählt dagegen nicht so sehr die Menge der Bekanntschaften und Freunde, etwa auf SchülerVZ, sondern schlicht das Dabeisein und Mittun. Auch diese Jugendlichen nutzen andere Social Web-Angebote, etwa YouTube oder MySpace, dies jedoch weil sie sich über die Videos mit anderen austauschen können.  


Offenheit vs. Datenschutz
Der Schutz der eigenen Daten und die Wahrung der Persönlichkeitsrechte Anderer sind problematische Aspekte der Mitmach-Angebote im Internet. Zwar stellen die Autoren/innen der Studie fest, dass negative Erfahrungen im Vergleich zu der Häufigkeit und Intensität der Social Web-Nutzung keinesfalls im Vordergrund stehen. Allerdings zeigt sich ebenfalls, dass nahezu alle befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen bereits in irgendeiner Form Erfahrungen mit Online-Mobbing gemacht haben – entweder in Bezug auf die eigene Person, auf Mitschüler/innen oder Bekannte, oder sie haben zumindest davon gehört, dass Andere derartige Erfahrungen gemacht haben. Auch der erhöhte Zeitaufwand für die Pflege eines wachsenden Internet-Kontaktnetzwerks kann zu einem Problem werden; besonders dann, wenn die Online-Aktivitäten nicht mehr im Verhältnis zu Offline-Aktivitäten stehen.
Prof. Dr. Ingrid Paus-Hasebrink, zusammen mit Dr. Jan-Hinrik Schmidt und Prof. Dr. Uwe Hasebrink verantwortlich für die Durchführung der Studie, betont: "Die Teilnahme z.B. bei SchülerVZ oder StudiVZ, die auf das Pflegen und Knüpfen von Beziehungen zielt, verlangt ein gewisses Maß an Offenheit über die eigene Person, um wiedererkennbar zu sein. Dabei ist vielen nicht wirklich bewusst, dass je nach Profileinstellung nicht nur Freunde, sondern auch ein wesentlich breiteres Publikum Einblick in persönliche Informationen erhält, die zudem im Netz dokumentiert bleiben". Vor allem Jugendliche mit niedriger formaler Bildung machen sich weniger Gedanken darüber, wie man sich im Social Web gegen unliebsame Erlebnisse schützen kann bzw. sollte. Aber auch die Betreiber der Social Communities müssen in die Pflicht genommen werden: Die Unsicherheit auf Seiten der jugendlichen Nutzer/innen resultiert oft auch aus mangelnder Transparenz der Geschäftsbedingungen. Anbieter, Jugendliche, Eltern und Pädagogen/innen sollten sich verstärkt mit der Frage beschäftigen, wie ein respekt- und verantwortungsvoller Umgang im und mit dem Social Web gelingen bzw. gefördert werden kann. Anregungen dazu, wie sich Lehrer/innen und Schüler/innen diesem Thema im Unterricht annähern können, gibt z.B. das Zusatzmodul "Was tun bei Cyber-Mobbing?" zum Lehrerhandbuch "Knowhow für junge User. Materialien für den Unterricht" von der EU-Initiative "klicksafe".

 


Mehr Informationen:

Pressemitteilung zur Studie
Weitere Informationen zu Ergebnissen der Studie auf der LfM-Homepage

Zusammenfassung der Ergebnisse (PDF)
Die Studie wird voraussichtlich im Sommer 2009 als Buch in der Schriftenreihe Medienforschung der LfM erscheinen.

 

Fotos: Fox-Foto, Uwe Völkner

 


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